| Firma Cyberhome ist genervt, schickt aber kein Gerät (Update: jetzt doch) |
Der Journalist kann mit dem Objekt, über das er schreibt, nicht auf Dauer befreundet sein. Oder so ähnlich. Schrieb Rudolf Augstein schon vor Jahren über Gerhard Schröder, und Stefan Aust zitierte es letztes Jahr, nachdem die Beziehung zwischen dem Spiegel und Schröder am Ende von dessen Kanzlerschaft genauso zerrüttet war wie vorher bei Kohl.
Soweit sind wir noch nicht nach einem halben Jahr Gadgetblogging bei neuerdings.com. Aber die Firma Cyberhome Europe AG ist die erste, die sauer auf uns ist, und das auf eine komisch-diffuse Art.
Und zwar über unseren Kurzbericht CyberDrive NMD 35 leider völlig unbedienbar vom 2. September 2006 von der IFA. Natürlich, der Titel ist harsch. Natürlich, der Test war nicht sehr ausführlich, was auch jeder so nachvollziehen kann, der den kurzen Bericht liest. Wir kamen, haben zehn Minuten rumgedrückt, es ging nicht, das Personal am Stand war mit anderen Besuchern beschäftigt, wir gingen wieder, tippten den Beitrag runter und vergassen den Fall.
Dass dieser Beitrag nun bei der Google-Suche nach “CyberDrive NMD 35″ auf Platz 5 kommt, ja nun, natürlich ist das irgendwie doof für die Firma, das verstehe ich schon. Entsprechend bekam ich auch schon am 21. September ein Mail mit dem vermutlich genau der Wahrheit entsprechenden Betreff “Bericht zur IFA gefunden”:
Sehr geehrter Herr Hogenkamp,
wir fanden den unten aufgeführten Bericht über unser Produkt NMD 35 auf Ihrer Webseite und sind nicht begeistert.
Gegen Kritik haben wir nichts einzuwenden, wenn sie angebracht ist und der Realität entspricht.
Wir bemühen uns dann, die Fehler umgehend zu beseitigen.
Für einen guten After-Sales-Service ist unser Unternehmen bekannt.Was wir nicht gerne sehen sind Berichte, die nicht den Tatsachen entsprechen.
In Ihrem Bericht sind Probleme geschildert, die definitiv nicht existieren. Ihr Bericht ist nicht objektiv.Das Sie, als Sie das Gerät bedienten, diese Phänomene vorfanden, glauben wir Ihnen.
Allerdings wissen wir nicht, wer vor Ihnen das Gerät bedient hat und was er alles verstellt hat.
Wir hatten verschiedene Geräte mit unterschiedlichem Kartenmaterial bestückt.
Wenn z.B. Ihr Gerät eine Fernstrassenkarte Europas hatte, dann kann er den Mexikoplatz nicht finden.Ich habe selber geprüft, ob es einen Mexikoplatz auf unserer Deutschlandkarte oder DACH Karte gibt und es gibt ihn. Keine Problem auch beim Kurfürstendamm.
Wir bitten Sie um eine Stellungnahme.
Mit freundlichen Grüssen aus Hilden
(Absender gestrichen)
Den etwas ultimativen Ton ignorierend habe ich umgehend sehr freundlich und um Deeskalation bemüht geantwortet, dass ich leider nicht den Beitrag löschen oder ändern könne, nur weil er ihnen nicht passt. Ich könnte aber entweder eine Art “Gegendarstellung” ungekürzt im Blog veröffentlichen, in der sie ihre Sicht der Dinge darstellten, oder sie könnten mir ein Gerät für ein paar Tage leihen oder einen Händler angeben, bei dem ich es selbst nochmal ausführlicher testen kann. Danach würde ich dann gern einen Update schreiben.
Genau zwei Wochen lang passierte wieder nichts – so ganz weit oben auf der Prioritätenliste kann das Thema bei Cyberhome also nicht stehen.
Letzten Donnerstag rief man mich auf dem Handy an, ich rief sofort zurück, und der Autor der E-Mail und sein Chef erzählten mir 20 Minuten im wesentlichen noch mal das gleiche, was schon in der E-Mail stand. An der Messe sei das doch klar, an dem Gerät hätten schon hunderte Leute rumgedrückt, da hätte halt jemand den Modus verstellt, bei einem Gerät, das man neu aus der Schachtel nimmt, könne das nicht passieren. Nebenbei fielen auch lustige Sätze wie: “Sie können froh sein, dass unser Vorstand das noch nicht gemerkt hat”, und: “Sie hätten uns den Artikel vorher zur Prüfung vorlegen sollen.” Ja genau. Das hätte ich am besten mit der gesamten IFA-Berichterstattung machen sollen, dann wäre vermutlich heute noch nichts live. Immer wieder kam: “Das ist keine gute journalistische Arbeit”, wobei mir der Verdacht kam, dass die Firma unter guter journalistischer Arbeit versteht, dass man Gutes über ihre Produkte schreibt.
Ich konnte natürlich auch nur wiederholen, was ich schon in meiner Antwort geschrieben hatte: Man könne mir gern ein Gerät schicken oder mir einen Händler nennen, entweder in der Schweiz oder in Süddeutschland; nächstes Wochenende sei ich übrigens in Bielefeld, ob es dort vielleicht jemanden gebe. Ja, war die Antwort, man werde es sich überlegen und sich wieder melden.
Nach wie vor ist mir völlig unerklärlich, warum die Firma auf dieses Angebot nicht eingeht. Das Gerät kostet rund 250 Euro, also in der Herstellung vermutlich irgendwas um die Hälfte, und ich will es ja nicht geschenkt, sondern nur geliehen. Was könnte ein logischer Grund sein, mir keins zu schicken? Dass ich noch was gemeineres schreibe? Ich glaube nicht. Ich würde direkt aus der Schachtel “Berlin, Mexikoplatz”, eingeben, und wenn von “Badenerstrasse 65, Zürich”, aus 827 km rauskommen würden, wäre ich happy und würde das sofort posten.
Unseren inzwischen fünf Wochen alten Artikel hat just heute jemand mit dem programmatischen Namen “Netguardian”, also wohl ein Hüter der guten Sitten im Netz, kommentiert. Dabei hat er sich etwas in Rage geschrieben. Der erste Kommentar von 12.56 Uhr endet noch mit einem Smilie, der zweite um 14.18 Uhr schon mit drei Ausrufezeichen und im dritten Kommentar zu einem anderen, viel älteren Beitrag (aber in der Kategorie Navigationssysteme direkt darunter), von 14.27 Uhr bin ich schon ein zynischer Wort-Akrobat ohne jede Erfahrung. Lustig, der Tchibo-Beitrag ist doch völlig harmlos, dort geht es nur um die altbekannte Preisdifferenz CH-DE und um den Werbetext im Newsletter. Natürlich kann es Zufall sein, dass jemand ausgerechnet heute diese Beiträge gefunden und sich über sie geärgert hat. Oder auch nicht, das weiss ich nicht.
Lange Rede, kurzer Sinn:
1. neuerdings.com ist nicht die Stiftung Warentest. Wir erheben keinen Anspruch auf akribische Vollständigkeit unserer Tests, sondern kommentieren kurz und prägnant, was uns auffällt. Umgekehrt wollen wir aber auch niemanden “reinreissen” – wozu auch?
2. Wie posten jeweils möglichst sofort; das ist eine zwingende Eigenart des Formats Blog. Wenn ich erst lange abkläre, kann ich auch ein Monatsmagazin machen.
3. Wenn wir dabei einen Fehler machen sollten oder ein Inhalt unglücklich herauskommt, fällt uns kein Zacken aus der Krone, etwas richtigzustellen (während der klassischen Journallie die rechtlich verbriefte “Gegendarstellung” immer etwas quer runtergeht).
Ich denke, das war nicht der letzte Fall dieser Art, und wir werden sicher nicht jeden so ausführlich kommentieren. Aber einmal kann man es mal machen, um seine Grundsätze zu dokumentieren, finde ich.
Update: Cyberhome meldet per am Montagmorgen per Mail, sie wollten mir ein Testgerät zur Verfügung stellen.
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(10.10.2006 14:38)
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