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Für eine Handvoll Dollars oder ein Solarpanel

Von Peter Hogenkamp am 23. Dezember 2006 um 18:11 Uhr Kommentare (19)
Kategorien: Blogs, Medien

Für eine Handvoll Dollars oder ein Solarpanel
Blogger verspielen für wenig Geld ihre Glaubwürdigkeit

VON PETER HOGENKAMP

In letzter Zeit ist viel zu lesen, wie wichtig Blogs für die Glaubwürdigkeit einer Marke seien. Blogs können aufgrund ihrer grossen Authentizität Marken aufbauen oder zerstören, schreibt eine aktuelle Studie von Forrester Research. Doch nun haben die Blogger selbst ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem, und vor allem mit der Authentizität dürfte es sich bald erledigt haben.

Die Idee, die den Blogs zum Verhängnis werden könnte, kommt einmal mehr aus den USA. “Buzzmarketing” nennt sich die neue Spielart der Werbung, frei übersetzt “Mundpropaganda”, und “Pay Per Post”, also “Bezahlung pro Beitrag”, heisst die Website, die auf einem Marktplatz eifrige Blogger mit Produkten zusammenführt, über die sonst niemand sprechen würde. Der Anbieter versucht, den Vorgang zu verharmlosen: “Du hast immer schon über die Produkte geschrieben, die Du liebst. Endlich wirst Du dafür belohnt.” Doch de facto finden sich auf dem virtuellen Kontakthof eher obskure Produkte.

So werden Blogger detailliert instruiert, wie sie über die Notwendigkeit von Luftbefeuchtern schreiben sollen. Sogar die Gliederung des Artikels wird vorgeschlagen: “Du hasst trockene Haut und ein kratziges Gefühl im Hals. Dieses Problem wird von trockener Luft verursacht. Nun hast Du eine Website über Luftbefeuchter gefunden, die dir sehr geholfen hat: humidifierinformation.com. Verlink sie und schlag vor, dass Deine Leser sie besuchen.”

Bisher mussten diese gekauften Artikel nicht mal als solche gekennzeichnet werden - eine undenkbare Sache aus einer publizistischen Perspektive; die Schweizer Verlagshäuser etwa haben sich detaillierte Handlungsgrundsätze für die strikte Trennung von Redaktionellem und Werbung auferlegt. Nach massiven Protesten rudert Pay Per Post nun zurück: Seit dem 18. Dezember müssen Blogger kenntlich machen, dass es sich bei ihren Lobeshymnen um gesponserte Beiträge handelt. Ob damit der Vertrauensverlust noch gestoppt werden kann, ist nach Ansicht von US-Experten fraglich.

Obwohl sich also in den USA schon deutlich die Grenzen dieser Werbeform zeigen, ist nun mit trigami ein Schweizer Kopist an den Start gegangen, der zumindest diesen Fehler vermeiden will: trigami verlangt von vornherein, dass bezahlte Beiträge als solche gekennzeichnet werden. Letzte Woche fragte trigami-Gründer Remo Uherek grossflächig Schweizer Blogger an, ob sie in ihren Blogs über den ersten Kunden, die neue DVD-Tauschbörse Exsila schreiben wollten.

Es ging nur um ein paar Fränkchen, doch Sites wie “Bloggingtom.ch” und “Leumund.ch” publizierten kurz nach der E-Mail von Uherek ausführliche Kritiken zum DVD-Tauschportal. Beide Blogs machten auf Anfrage darauf aufmerksam, dass die bezahlten Einträge klar ausgewiesen seien. Aber wer nicht genau hinschaut, überliest dies schnell. Die Hinweise erscheinen klitzeklein am Ende des Beitrages.
Andere Blogger stehen bezahlten Einträgen kritischer gegenüber. Peter Hogenkamp zum Beispiel, Chef der Blogwerk AG, gab an, Uherek sei auch auf ihn zugekommen. “Ich habe Nein gesagt”, so Hogenkamp, “so was würde meinem Blog neuerdings.com mehr schaden als nützen.”

Diese kategorische Konsequenz erscheint jedoch bei näherem Hinsehen aufgesetzt. Mit dem Adventskalender auf seinem Gadget-Blog neuerdings.com hat Hogenkamp sich selbst auf dünnes Eis begeben. In einem angestrengt wirkenden Versuch, mit einem Blog die Leserzahlen führender Schweizer Gadgetblogs wie “Digital Sushi” zu erreichen, verloste neuerdings.com im Dezember Gadgets im Wert von über 10′000 Franken, vom verkratzten Handy LG-Chocolate, das der arglose Hersteller Hogenkamp überlassen hatte, bis zu Microsoft-Software, die die Gewinner noch monatelang nicht zu Gesicht bekommen werden. Schon beim ersten Türchen beschwerte sich der angesichts von soviel Product Placement genervte Leser Deathstar: “Die Blogger verlieren allmählich ihre Unschuld :(”

Besonders angetan war Hogenkamp von sakku, einem Ostschweizer Imitat der erfolgreichen Freitag-Umhängetaschen aus Zürich. Die sakku-Taschen haben ein zusätzliches Solarpanel, weil die Hersteller offenbar davon ausgehen, dass ihre technologieaffinen Kunden sich mit ihren Handys mehrere Tagesmärsche von einer Steckdose entfernen. Satte 369 Franken soll das Modell sakku akku kosten - Freitag-Taschen erscheinen dagegen wie ein preiswertes und bodenständiges Produkt. neuerdings.com verspricht einem einzigen Leser eine solche Tasche gratis - alle anderen müssen sich mit aus dem Fenster hängen, ohne die Tasche, die man in keinem Laden anschauen kann, je gesehen zu haben.

“Egal wie”, schreibt Hogenkamp in seinen Weblog, “Bloggt darüber. Wenn Ihr schon mal darüber gebloggt habt, bloggt jetzt über die Limited Edition.” Warum diese Begeisterung für die Tasche? “Der Hersteller ist ein Freund von mir”, so Hogenkamp.

Wenn es so weitergeht, dürften Blogs in Zukunft für jedermann klar zu erkennen sein als das, als was sie ein kluger Zeitgenosse vor kurzem schon bezeichnet hat: die kommerziellen Klowände des Internets.

 

nicht erschienen in der Sonntagszeitung vom 24. Dezember 2006


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19 Kommentare

2xm

also ich habe diese beiden beiträge, die von trigami in auftrag gegeben wurde gelesen und mir war absolut klar um was es geht. ich glaube der mündige blog-leser weiss wie mit solchen beiträgen umzugehen hat. ich habe mich danach auch auf trigami.ch informiert welche firma dahinter steckt und was genau das ziel dieser aktion ist!

so lange, dass bezahlte beiträge gekennzeichnet werden sehe ich da absolut kein problem. die kennzeichnung auf einen bezahlten betrag muss meiner meinung nach auch nicht riesig gekennzeichnet werden. trigami hat ja selber schon darauf hingewiesen das sie die kennzeichnung verbessern wollen.


mousseman

Man muss wissen, was man tut. Für mich ist Blogging ein Hobby, und nicht eine Methode, Geld zu verdienen. Wenn Blogger Geld verdienen müssen, um zumindest die Hostinggebühren reinzuholen, so geht das auch mit AdSense.

Ich würde vielleicht eine Ausnahme machen - wenn Apple es schafft, ein Macbook (nicht Pro) innert nützlicher Frist mit einem MATTEN Screen lieferbar zu machen, gibt es ein bisschen Apple-Propaganda.


[…] Sorry Leute, aber wenn ich dieses und dann auch noch jenes selbstmitleidige Gewinsel der Kommerzblogger lese, weil vielleicht eventuell möglicherweise morgen ein etwas kritischer Zeitungsartikel erscheinen könnte (publiziert die Sonntagszeitung überhaupt am 24.12.?), wird mir schlecht. […]


urs prediger

jungs, hört doch auf zu heucheln. der artikel hat euch kalt erwischt:) aber wenigstens sind nicht alle von euch weintrinker:

http://www.medienspiegel.ch/archives/001529.html


[…]   52   Blackbox WWW         12:58 | Dez 28′06   Auch in der deutschsprachigen Blogszene sorgt das Thema Pay per Post - also das bezahlte Schreiben über Firmen - für Diskussionsstoff. So startete erst vor Kurzem der Anbieter trigami mit eben diesem Konzept und fahndete jüngst nach ersten bereitwilligen Bloggern. Mit den Weblogs BloggingTom und Leumund fand man zwei Blogger, die sich für Geld bereit erklärten über ein Produkt zu schreiben. Es gibt also nicht nur kritische Stimmen, sondern auch dankbare Abnehmer. […]


dr. leser

@bugsierer: wer solche hasstiraden von sich abgibt, sollte auch namentlich dazu stehen. gell, christian röthlisberger:) vorschlag für dein impressum auf http://henusodeblog.blogspot.com/:

roetext
Christian Röthlisberger
Texter | Konzepter
+41 79 229 83 90
info@roetext.ch


mds

Und wer ist «Dr. Leser»?


roetext

@ dr. leser: danke für den hinweis. ist erledigt.


mds

Mittlerweile gibt es ja schon Blogger, die Spam-Links verwenden, siehe z.B. http://travelblogger.ch/2006/12/30/das-ende-der-boeing-747-in-zurich/ – manche Blogger sind halt grenzenlos geldgierig, ich hoffe, solche Auswüchse muss man sich bei Blogwerk nie ansehen!


Tom

@mds: Keine Ahnung, wieso Du Affiliate-Links (die dazu deklariert sind) als Spam-Links bezeichnest. Die Links führen den Leser genau dort hin, wo er mit seinem Klick auch hin will. Insofern ist da nichts spammiges dahinter. Kommt dazu, dass es viele Blogs gibt, die solche Affiliate-Links NICHT deklarieren…


mds

Wer auf «Singapore Airlines» klickt, möchte also über http://scripts.affiliatefuture.com/... umgeleitet werden und sich wohl auch ein «Tracking Cookie» einfangen? :-> Über diese Art von Verdienstmöglichkeit soll jeder Publisher im Web selbst entscheiden, aber bitte mit offenen Karten gegenüber den Besuchern, das heisst entsprechenden Angaben in einer «Privacy Policy» und nicht bloss einem Dollarsymbol…


Peter Hogenkamp

Ähm, was ist denn hier mit den Kommentaren passiert? Sorry!
“Privacy Policy” ist ein gutes Stichwort auch für Blogwerk, die machen wir nochmal schnell.
Nur zur Klarstellung für alle Flüchtigleser, die Diskussion oben dreht sich nicht um einen Blogwerk-Blog.


Tom

@mds: Was wäre denn die richtige Kennzeichnung? Dass die Erklärung für das Dollarsymbol nicht ganz optimal gelöst ist (im Impressum), das bestreite ich ja nicht mal. Doch wie wärs besser Auf einer Privacy Policy-Seite wär die Information dazu ja auch nicht einfacher zu finden. Und ein Satz wie “Achtung, Sie werden über Affiliatefuture.com umgeleitet, weil dies ein Affiliate-Link ist, mehr Informationen in unserer Privacy-Policy” hinter jedem entsprechendem Link scheint mir auch nicht sinnvoll.

Ich bin, offenbar im Gegensatz zu Deiner Meinung, durchaus bereit, diese Dinge zu diskutieren und Verbesserungen vorzunehmen, allerdings müssen diese Aenderungen auch irgendwie machbar und sinnvoll sein…

@Peter: Irgendwas am CSS geschraubt?


Peter Hogenkamp

@Peter: Irgendwas am CSS geschraubt?

Immer mal wieder, aber nicht an den Kommentaren. Wüsste nicht wieso. Wollte die ganzen Kleinigkeiten eigentlich für eine gemeinsame Flick-Session lassen.


Tom

@Peter: Erledigt. Sieht zumindest bei mir nun wieder ok aus…


mds

@TOM: Wie wär’s mit einem Symbol für «Spyware» oder «Tracking Cookie»? «$» ist irreführend, denn wer darauf klickt, verdient kein Geld, sondern wird bespitzelt… :->


Peter Hogenkamp

Hallo mds

Würdest Du uns (Blogwerk) helfen, eine Privacy Policy zu entwickeln? Ich schreibe mal einen Entwurf, und Du gibst ein wenig juristischen und Internet-versierten Senf dazu? Ich melde mich deswegen nochmal per Mail.

Und gelegentlich könntet Ihr (Tom und Du) die Diskussion über Toms Privacy Issues mal in eins von Toms Blogs verlagern, denn der flüchtige Leser (wozu bekanntlich vor allem Journalisten gehören) könnte nicht kapieren, dass es hier gar nicht um Blogwerk geht.

Gruss, Peter


mds

@PETER HOGENKOMP: Sorry, dass ich Deinen Blog für diese Diskussion missbraucht habe. TOM und ich können das bei Bedarf wirklich anderswo diskutieren. Momentan glaube ich aber, dass wir darauf verzichten können, wir kennen jetzt unsere gegenseitigen Positionen… ;-)


Peter Hogenkamp

Schon gut, so schlimm wor’s jo nicht. :-)


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