Morgen, Kinder, wird’s was geben – oder: Blogbashing selber machen
 
Peter Hogenkamp, 23. Dezember 2006 um 10.45 Uhr, 14 Kommentare

Am vorletzten Freitag bekam ich nachmittags einen Anruf von der Sonntagszeitung. Barnaby Skinner wollte mich “ein paar Sachen zum neuerdings-Adventskalender fragen”.

Super, dachte ich, der will bestimmt sagen, wie beeindruckt sie seien, wie gut es bei neuerdings.com mit dem Adventskalender und überhaupt läuft und dass sie echt zugeben müssten, uns damals unterschätzt zu haben und so… Na ja. Nicht ganz. :-)

Vielmehr merkte ich schnell, worauf es hinauslaufen sollte. Es war kurz nach dem Launch von trigami. Und ich hatte an dem Tag im neuerdings-Adventskalender bei Tür 15 die Limited Edition von sakku akku als Gewinn drin. Ich hatte zum ersten Mal ein recht persönliches Statement abgegeben, dass ich Fan von der Firma und vom Produkt sei.

Skinner fand das offenbar sehr bedenklich. Er fragte nach trigami, ich antwortete wahrheitsgemäss, ich hätte Remo abgesagt; er fragte nach dem Adventskalender, ob die Produkte denn von Firmen gesponsert seien, ich fragte zurück, ob er meinte, wir könnten uns als Startup Preise im Wert von über 10’000 Franken leisten, und wenn die SonntagsZeitung einen Opel verlose, dann werde sie doch auch nicht 50’000 dafür auf den Tisch legen; er fragte nach der sakku-Aktion, ich antwortete, dass es aus meiner Sicht glasklar sei, wie das Zusammenspiel sei, und ja, dass ich an diesem Tag ungewöhnlich viel Werbung für das Produkt gemacht hätte, aber dass es überhaupt keine Kritik daran gegeben habe.

Am meisten angetan hatte es ihm eine interessante Stelle auf neuerdings.com: Die Bekanntgabe des Gewinners von Tür 14. Am 14. waren ein paar Sachen technisch schief gelaufen, und ich habe deswegen einen Zusatzpreis verlost an alle, die mitgemacht hatten. Ich schrieb:

Weil ich mich für den ganzen Stress nochmal herzlichen entschuldigen möchte (Nr. 11), verlosen wir an alle Teilnehmenden in beiden Strängen noch einen UBS Twister Hub von Brando in Hong Kong, den wir vor kurzem mal wohlwollend rezensiert hatten.

Ich finde das nach wie vor sehr transparent. Damian hatte dieses Gadget mal im Blog vorgestellt, und darauf hin haben wir es in Hong Kong bestellt, zusammen mit zwei anderen USB-Gadgets, falls wir nicht auf 24 Gewinne gekommen wären. (Eins davon haben wir verlost, die “USB Warmer Mouse” bei Tür 10.) Also: Wir hatten zuerst etwas gut gefunden, es dann bestellt und bezahlt und schliesslich verlost. Skinner zitierte in dem Telefonat etwa zehnmal das Wort “wohlwollend”. Wie der Betrug am Leser in diesem Fall hätte genau funktionieren sollen, verstehe ich bis heute nicht…

Ich war trotzdem nachdenklich geworden, wir machen das ja erst seit einigen Monaten und ein Gewinnspiel zum ersten Mal, also können wir noch viel lernen, und so lancierte ich am Samstag eine Leser-Umfrage bei neuerdings: Findet Ihr, dass die Unterschiede zwischen redaktionellen Beiträgen und Werbung/Sponsoring zu stark verwischt werden? Ergebnis, bei nicht überragender Beteiligung: 59% finden Nein, aber immerhin 38% finden Ja.

neuerdings Umfrage 2006-12-23

38% sind zuviel, hier gibt es Handlungsbedarf für uns. In den Kommentaren wurde allerdings auch klar, dass die Leute den “Lärm”, der durch den Adventskalender entstand, störender fanden als dieses Problem. Ich hatte schon vorher angefangen, eine Liste zu führen, was man alles besser machen könnte. Skinner hatte diese Umfrage auch gesehen, schrieb er später per Mail, aber aufgegriffen hat er sie wohl nicht. Man sieht ja auch kein richtiges Skandalpotenzial.

Einige Tage später kamen dann meine Zitate (es ist üblich, wenn man wörtliche Zitate verwendet, diese vorher noch mal abzustimmen):

Auf trigami bezogen:

Andere Blogger stehen bezahlten Einträgen kritischer gegenüber. Peter Hogenkamp zum Beispiel, Chef der Blogwerk AG, gab an, Uherek sei auch auf ihn zugekommen. «Ich habe Nein gesagt», so Hogenkamp, «so was würde meinem Blog “neuerdings.com ” mehr schaden als nützen.»

Auf sakku bezogen:

«Egal wie», schreibt Hogenkamp in seinen Weblog, «Bloggt darüber. Wenn Ihr schon mal darüber gebloggt habt, bloggt jetzt über die Limited Edition.» Warum diese Begeisterung für die Tasche? «Der Hersteller ist ein Freund von mir», so Hogenkamp.

Hmpf. Das erste stimmt, das zweite ist etwas, über das man sich aufregen kann oder die Schultern zucken. Im sakku-Beitrag hatte ich lang und breit geschrieben, warum ich es förderungswürdig finde (Swiss-made Handarbeit, Nebenjob der Gründer, cooles Produkt). Skinner reduziert es darauf, dass ich gesagt habe, ich kenne die Gründer auch persönlich (eigentlich kenne ich nur Andreas Fischler – ist aber eher eine Arbeitsbeziehung als eine enge Freundschaft, wenn ich das so sagen darf, Andi :-).

Was Mr. Skinner ausserdem völlig übersieht, absichtlich oder unabsichtlich, ist die ironische Komponente dieses Aufrufs: Man konnte auch in die Verlosung kommen, indem man seiner Frau beim Abendessen von sakku erzählte oder den Namen einmal quer durchs Büro rief.

So arbeiten sie halt, diese Journalisten. Sie basteln aus ein paar Fakten, die alle stimmen, einen Absatz, der insgesamt eigentlich nicht so richtig stimmt. Und wir lesen es und glauben es, ausser wir wissen es besser, weil es ausnahmsweise um uns selbst geht.

Ich habe dann Leu, BloggingTom (beide hatten für trigami geposted: Leu, Tom) und Remo gefragt, ob die auch angefragt worden seien. Dabei kam noch dieses weitere Zitat aus dem Artikel heraus, kein wörtliches zwar, aber Skinner hat es Tom zugemailt:

Es ging nur um ein paar Fränkchen, doch Sites wie «Bloggingtom.ch» und «Leumund.ch» publizierten kurz nach der E-Mail von Uherek ausführliche Kritiken zum DVD-Tauschportal. Beide Blogs machten auf Anfrage darauf aufmerksam, dass die bezahlten Einträge klar ausgewiesen seien. Aber wer nicht genau hinschaut, überliest dies schnell. Die Hinweise erscheinen klitzeklein am Ende des Beitrages.

So. Vor der Veröffentlichung kennen wir also schon drei Passagen aus dem Artikel, der vermutlich “Ausverkauf der Glaubwürdigkeit” oder so heissen wird und aussagen, dass Blogger alles tun, um sich ein bisschen was nebenbei zu verdienen.

Das hat wiederum unseren Sportsgeist geweckt. Wir haben uns überlegt: Wie vorhersehbar ist der Artikel? Könnten wir ihn vielleicht schon selbst schreiben?

Deswegen haben Tom, Remo und ich uns überlegt, dass wir heute Abend schon vor Erscheinen der SonntagsZeitung unsere eigenen Versionen posten und dann mal schauen, wie nah wir dran sind. Vielleicht können wir uns ja noch etwas mehr Geld dazuverdienen, indem wir demnächst als Freie die Blogbashing-Artikel für die SonntagsZeitung selbst schreiben.

Hat noch jemand Lust mitzumachen? Gesucht wird ein lästerlicher Artikel über Blogger, die willkürlich Ihre Meinung verkaufen, wenn sie damit ein paar Franken machen können.

Es gewinnt der, dessen Artikel dem Original in der Sonntagszeitung am ähnlichsten ist. Einsendeschluss ist heute Abend um etwa 23 Uhr (ab dann wird die SonntagsZeitung in Zürich verkauft).

Zu gewinnen gibt es nichts. OK, vielleicht das dritte USB-Gadget, das wir nicht gebraucht haben, aber sehr wohlwollend besprechen würden… ;-)

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14 Kommentare zu diesem Artikel

  1. andreas

    schrieb am 23.12.2006 um 12:22 Uhr (#)

    Das haben die bei der Sonntagszeitung aber super-kritisch-investigativ gemacht. Ob sie auch so kritisch bei Publireportagen im eigenen Verlagshaus sind? Das Verhalten von 20 Minuten habe ich ja nur absolut vorbildlich in Erinnerung.

  2. Peter Hogenkamp

    schrieb am 23.12.2006 um 12:26 Uhr (#)

    Hallo Andreas
    Das habe ich Barnaby Skinner natürlich auch gefragt. Ob man denn an private Blogs nun höhere Standards anlegen müsse als an professionelle Medien. “Nein, aber davon sei ja auch nie die Rede gewesen”, meinte er. Mir kam es aber zwischendurch bei der inquisitionsartigen Befragung, wer nun was bezahlt (das meiste stand explizit im Blog) durchaus so vor.

  3. andreas

    schrieb am 23.12.2006 um 15:00 Uhr (#)

    Es ist der Skandalisierungsreflex hyperventilierender Journis. Ihr seid käuflich! Und ihr steht auch noch dazu! Das entspricht überhaupt nicht dem standesgemässen Habitus! Skandal! Skandal! *japs*

    Dabei geht es nur darum, künstliche Distanz zwischen sich selber und der gefürchteten Konkurrenz Blog aufzubauen, die bereits jetzt authentischer daherkommt als man selber. Denn dadurch kann man sich erhoffen, getreu dem Motto “Ich nicht, aber die anderen auch” von den eigenen Schwächen abzulenken oder sich besser darzustellen, als man wirklich ist.

  4. bleibe lieber anonym

    schrieb am 23.12.2006 um 20:29 Uhr (#)

    Tja, das ist halt so, bei dieser “Sippenhaftung” der St. Galler Sakku-Zeix-Namics-Local Klüngelei – da wird doch schon mal sehr gerne der eine oder andere Freundschaftsdienst geleistet – da nimmt man es nicht immer so genau.

    Ist aber auch nicht weiter tragisch, es ist ja allseits bekannt.

  5. Andreas Fischler

    schrieb am 24.12.2006 um 10:22 Uhr (#)

    So im Endeffekt betrachtet finde ich den Artikel in der SZ nicht ganz so schlimm wie ich ihn erwartet hätte. Aber beim Untertitel “Blogger machen Schleichwerbung und verlieren damit ihre Unschuld” schwingt schon eine arg negative Stimmung mit. Ein weiterer kleiner Seitenhieb eines wohl eher durchschnittlichen Journalisten beim Versuch seinen Job auch in ein paar Jahren noch so machen zu können wie heute…

  6. Sam

    schrieb am 24.12.2006 um 13:17 Uhr (#)

    Recht peinlich dieser Artikel. Alles wirkt ein wenig gesucht und konstruiert. Aber wers braucht… :)

  7. mds

    schrieb am 24.12.2006 um 13:57 Uhr (#)

    Abgesehen davon sitzen Journalisten im Glashaus, produzieren sie ihren «Content» primär als Trägermedium für Werbung und in gewissen Zeitungsteilen ist die Schleichwerbung so penetrant, dass das Lesen einiges an Selbstbeherrschung verlangt, gerade auch am Sonntag… :->

  8. mds

    schrieb am 24.12.2006 um 13:58 Uhr (#)

    Bin ich übrigens der einzige, der bei «Skinner» spontan an die Simpsons denkt?

  9. Peter Hogenkamp

    schrieb am 24.12.2006 um 14:09 Uhr (#)

    MDS: Nee, bist Du natürlich nicht. Er wurde mir am Telefon angekündigt, und ich hab gleich unsere Sekretärin gefragt: “Direktor Skinner”? Aber für den Namen kann er ja nun nichts.

  10. urs prediger

    schrieb am 25.12.2006 um 01:51 Uhr (#)

    jungs, hört doch auf zu heucheln. der artikel hat euch kalt erwischt:) aber wenigstens sind nicht alle von euch weintrinker:

    http://www.medienspiegel.ch/archives/001529.html


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