Blogwerk vs. Cash Daily
Hurra, wir sind Mainstream!
Von Peter Hogenkamp am 31. Januar 2008 um 16:50 Uhr Kommentare (8)
Kategorien: Medien
Lieber Rüdi Steiner
Danke für Ihre ausführliche Replik “Hogenkamp vergleicht Birnen mit Karotten” bei persoenlich.com auf mein Interview von gestern. Ich find’s gut, dass wir mal so offen über alles reden.
Vorab: Es ehrt Sie, dass Sie als Chefredaktor und damit eigentlich Content- und nicht Verlags-/IT-Mann sich so in die Bresche werfen für das Livepaper.
Den Unterschied zwischen dem Livepaper von Cash Daily und cash.ch glaube ich verstanden zu haben: Das Livepaper ist das, das einem den ganzen Bildschirm vollzoomt und bei dem dann die Bankwerbung auf der ersten Seite unaufgefordert “pling pling” macht wie Dagobert Duck im Geldspeicher. Auf das hatte ich mich auch bezogen. cash.ch ist dagegen ist die ganze Site, die vermutlich im Bereich “Börse” - mit den ehemaligen Borsalino-Inhalten - viele Visits und Page Impressions generiert, weil man Börsenkurse halt oft anschaut.
Und das Livepaper, wenn ich Ihrer Argumentation weiter folge, ist also nur deswegen so komisch, weil praktisch übermorgen das richtige elektrische Papier auf den Markt kommt, das wir dann morgens im Zug papyrusartig entrollen können, um darauf Ihr Blatt zu lesen? Hatte der Lieferant G+J (dass es der serbelnde Stern auch einsetzt, macht es nicht besser) beim Sales-Pitch vielleicht schon ein Mockup von der Funktionalität in seinem PowerPoint, zusammen mit einer Schätzung der Gartner Group, dass überübermorgen dann jeder zweite so ein Gerät nutzt?
Ich will Sie in Ihrer technologischen Euphorie keineswegs bremsen, aber wir als Startup sind darauf angewiesen, auf eine Technologie zu setzen, mit der man schon in diesem Jahr wachsen kann und nicht erst “irgendwann in diesem Jahrzehnt”.
Es freut mich, dass Ihre Leser “das Format sehr schätzen”. Zur Abstützung dieser Aussage würde ich Ihnen gern einen Gratis-Test im Zeix-Usability-Labor offerieren mit drei Personen aus Ihrer Zielgruppe, die wir spontan und unvorbereitet aus dem vorbeifahrenden 3er-Tram locken. Vielleicht stimmt’s ja.
Meine Erfahrungen mit dem Livepaper waren allerdings nicht so toll, und die habe ich alle als normaler, an den Inhalten interessierter, täglicher Leser der Print-Ausgabe gemacht. Vielleicht bin ich etwas komisch, aber zumindest bin ich nicht allein. Heiko Hebig, Web-2.0-Aushängeschild bei Burda in München, schrieb schon vor zweieinhalb Jahren (und seitdem habe ich keine nennenswerte Weiterentwicklung der Technologie gesehen):
I just tested LivePaper and it’s anti-web. It’s usability on crack. Do you recall those days when companies created “multimedia CR-ROMs” to be cool? That was 15 years ago. LivePaper is like a multimedia CD-ROM creeping up from its grave. You can’t link. You can’t copy and paste. You can’t bookmark. You have to view the paper in its own window. It’s mostly flash. You can’t right click. You have to apply to be able to get read access. Search engines can’t spider the content. It is playing annoying background music on every single page. (…) This is 2005, not 1995. The web is evolving around open standards. Put up walls and you will be left behind. And that’s exactly what will happen to LivePaper.
Zu den Zahlen. Diese “registrierten User”, von denen beim Livepaper immer die Rede ist, sind in letzter Zeit eher konstant geblieben, kann das sein?
Im Mai 2007 war in der Medienmitteilung zur Einstellung von CASH (weekly) von 26′000 die Rede, im Juli im Ergebnis einer Panel-Untersuchung von 27′000, später im Juli auch noch, im September waren es dann 31′500, im Oktober auch noch. Soviel stehen auch auf der Ringier-Profilseite von Cash Daily (dort zur Abwechslung “Lifepaper” geschrieben) - und dort steht auch noch eine andere Zahl: 12′500. Das sind möglicherweise die Leute, die es einigermassen regelmässig nutzen. Kein Wunder, dass alle anderen offiziellen Texte wie auch Sie lieber von registrierten Usern sprechen.
Meine Lieblingsstelle in Ihrem Text ist aber der hier: “Ich vergleiche Special-Interest-Plattform aber nicht mit breiten Publikumssites.”
Diesen Satz fand ich zuerst recht logisch, weil ich dachte, wir seien die Special-Interest-Plattform. Im Gegenteil, wir sind gemäss Ihnen die Publikumssite: “Zu diesen gehört letztendlich auch Blogwerk.”
Öhm. Was sind nochmal unsere Themen? Gadgets? Interessieren in der Detailliertheit, in der wir berichten (jeden Tag das neuste Gerücht über die Verfügbarkeit des Asus eee), vielleicht 5% der Leute. Medien? Wenige tausend in der Schweiz, ein paar Zehntausend in Deutschland. Produktivitätsmethodik? Derzeit noch ein Thema für Eingeweihte. Digitalfotografie für recht Fortgeschrittene? Dito. (fraulich.com ist theoretisch breiter, aber noch recht neu und trägt derzeit noch kaum zu unserem Wachstum bei.)
Aber so schnell kann’s gehen. Gestern waren “Blogs und weiss der Teufel was” noch ein Nischenprodukt, das “niemand findet” (Michael Ringier) - und heute sind wir schon Mainstream.
In Wahrheit scheint mir das Thema Wirtschaft (Claim von Cash Daily: “Für Geld, Geist und Gewinn”) etwas breiter. Nach einer Erhebung von search.ch interessieren sich 520′000 ihrer 1.4 Mio. User für das Thema. Die Studie MA-Leader 2007 der WEMF weist 225′000 davon in den Segmenten “Leader” und “Top Leader” aus. Und nach der Einstellung von CASH war ebenfalls bei persoenlich.com dieses Zitat von Thomas Trüb zu lesen:
“Im Gegensatz zu anderen Titeln wie die Handelszeitung und die Finanz und Wirtschaft wurden wir zu den Reichweitentiteln gezählt und nicht zu den Special Interest-Titeln.”
In Ihrem nächsten Satz vergleichen Sie Blogwerk deswegen lieber mit den 1.5 Millionen Unique Clients von blick.ch, der zweitgrössten Schweizer Website. Tenor: “Ist mir egal, wenn Du stärker bist als ich - dann hol ich meinen grossen Bruder, und der ist viel, viel stärker als Du.”
Dieser Vergleich ehrt uns wirklich.
Viele Grüsse und bis demnächst
Peter Hogenkamp
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8 Kommentare
Peter :-) es ist immer schön Dich zu lesen, vor allem wenn Dir etwas auf den Sack geht. Der Arme, den Du dann in die Pfanne haust.
Aber jetzt inhaltlich. Das e bzw LivePager von Cash finde ich persönlich sogar angenehmer als wieder eine weitere Website, lese diese aber wahrscheinlich weniger oft - weil ich eben nicht in einem E-Mail-Link direkt auf einen interessanten Artikel stosse.
Echt, mir gefällt es, im Live-Paper rumzusurfen. Aber Cash hätte im Blogformat viel mehr Traffic - logisch.
Registrierung ist doof. Vor allem, weil zu Beginn ich zwar Passwort merken eingestellt hatte, der Cash das aber nie gemerkt hat. Jetzt gehts.
Die ePaper-Hardware wurde mir schon in den 80er oder waren es tatsächlich bereits die frühen 90er vorgestellt (in einem Artikel natürlich). 20 Jahre später falte ich das Produkt immer noch nicht auf.
Trotzdem - Cash ist beim Beüben seiner Truppe auf ein Live-Redaktion meilen weiter als die Konkurrenz - wo der Printler immernoch über den Onliner höhnt.
Sollte das ePaper in äh 3 äh 4 äh irgendwann kommwn - ist Ringier gerüstet. Die anderen nicht. Ob die Software dann noch so gstabig ist wie heute, glaub ich nicht.
einfachso
schrieb am 31. Januar 2008, 20:31 Uhr (Permalink zum Kommentar)Ich find das Livepaper von Cash Daily auch schlecht. Da ich am Morgen an keinem Kiosk vorbeikomme, lade ich mir die Ausgabe jeweils als PDF herunter. Ich finde diese Version wesentlich lesenswerter als das nervige Liverpaper.
Auch die Registrierung finde ich lästig, vor allem wenn man über verschiedene Computer darauf zugreift.
Auch andere Verlage wie z.B. Tagi haben meines Erachtens ein sehr schlechtes e-Paper. Weshalb sie für den User nicht einfach die Artikel im normalen Internet-HTML-Seiten zur Verfügung stellen, verstehe ich nicht. (Man könnte das ganze ja immer noch nur für Abonnementen machen, wenn man Angst hätte, die zahlenden Kunden zu verlieren).
Auch die NZZGlobal-Seite (E-Paper-Version der NZZ finde ich verbesserungswürdig).
Hier haben die Medienmacher noch ein langes Stück Arbeit vor sich. Einer der besten Seiten fand ich die Navigation der Zeitung Bund, bevor diese in das espace/BZ-Kleid eingebunden worden ist. Man konnte schnell und einfach durch die Zeitung navigieren.
Patrick Mollet
schrieb am 1. Februar 2008, 19:27 Uhr (Permalink zum Kommentar)Peter, warum lanciert Blogwerk nicht einfach einen neuen Themenblog rund um “Geld, Geist & Gewinn”? Ich bin überzeugt, dass es a) dafür Potential gibt (siehe auch Reto’s Kommentar) und b) ihr mit eurer Erfahrung dafür prädestiniert seid! Und dann kann Rüdi Steiner beim nächsten Schwanzlängen-Vergleich Äpfel mit Äpfel vergleichen ;-)
Peter Hogenkamp
schrieb am 2. Februar 2008, 07:25 Uhr (Permalink zum Kommentar)Patrick: Uns fällt schon gar nicht so eine durch und durch coole Alliteration ein.
Aber im Ernst: Nach der Einstellung von CASH haben sich unabhängig voneinander zwei Ex-Redaktoren gemeldet, und wir haben über die Aussichten eines Schweizer Wirtschaftsblogs geplaudert. Ich sehe die kurzfristig nicht. Wenn Du nur zwei Vollzeitredaktoren ernähren wolltest, müsstest Du schon sehr, sehr viel Zugriffe haben und entsprechend viel Werbung verkaufen. Dafür scheinen mir der Lesermarkt und vor allen der Werbemarkt noch nicht bereit.
Pierre Rappazzo Präsident SORGIM
schrieb am 2. Februar 2008, 07:43 Uhr (Permalink zum Kommentar)Lieber Peter, guten Morgen
Es scheint wir sind wieder bei unserer alten Wette angekommen, von wegen Inkompetenz im Grossunternehmen.
Eigentlich mag ich Rüedi Steiner noch aus den Zeiten als er ein hartnäckiger investigativer Journalist war. (er schrieb als einer der Ersten über mich)
Leute wie er sollten in einem solchen Fall doch einfach schweigen und die Verteidigung denjenigen überlassen, die den Mist verursachen.
Reto hat Recht, Ringier ist unter den Lahmen und Blinden noch das beste Haus.
Ich warte seit Jahren auf ein gutes integriertes Medienprodukt. Vielleicht liegt die Lösung tatsächlich bei einem Start-up wie Blogwerk.
Markus Köberle
schrieb am 4. Februar 2008, 18:45 Uhr (Permalink zum Kommentar)Hallo
E-Papers kenne ich 3. Die Sonntagszeitung, NZZ am Sonntag und Business Week.
Die Business Week ist die beste und easy zum lesen. BW ist sehr nahe an einer Zeitschrift.
Und darum stört es mich auch nicht dass ich da einen Reader (Zinio) installieren muss und eine Abogebühr bezahle.
NZZ am Sonntag und Sonntagszeitung sind Steinzeit.
Es gibt ja schon einige Anbieter, welche das Flash Pageflip anbieten. Müsste eigentlich einfach eingesetzt werden können.
ugugu
schrieb am 5. Februar 2008, 15:57 Uhr (Permalink zum Kommentar)@Rappazzo
“Ringier ist unter den Lahmen und Blinden noch das beste Haus.”
Soll das ein Witz sein?
Pierre Rappazzo Präsident SORGIM
schrieb am 6. Februar 2008, 07:59 Uhr (Permalink zum Kommentar)@UGUGU
Darüber zu streiten wer unter den Lahmen und Blinden der schnellste ist, ist müssig.
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Reto Hartinger
schrieb am 31. Januar 2008, 18:51 Uhr (Permalink zum Kommentar)