GaySVP: Follower, Fans und Abonnenten aufbauen, wo man kann
 
, 15. Dezember 2009 um 9.29 Uhr, 8 Kommentare

Guten Tag Herr Feurer

Glückwunsch zur Gründung der «GaySVP» und dem Medienspektakel, das das sicher auslösen wird. Heute sind Sie schon der Aufmacher im «20 Minuten» (Print und Online) mit der Story: «GaySVP: Wirbel um Homo-Gruppierung».

Ich bin nicht eben ein Anhänger der SVP (kann als Deutscher ohnehin nicht wählen, ist also egal), aber dass es innerhalb der SVP eine solche Unterorganisation gibt, kann nur gut sein. (Oskar Freysingers Satz: «Ich bin dagegen, dass sich für jedes Spezialanliegen ein Grüppchen bildet» ist undemokratischer und zudem leicht durchschaubarer Quatsch. Als Pferdeschwanzträger gehört er zudem ja selbst einer Minderheit in der SVP an.)

Im Artikel heisst es:

Sie hat vor kurzem eine eigene Website aufgeschaltet, krebst aber auf Geheiss der Parteizentrale schon wieder zurück: «Wir müssen zuerst abklären, ob wir den Parteinamen und das Logo der SVP überhaupt benutzen dürfen. Deshalb nehmen wir die Seite demnächst vom Netz», erklärt Mitini­tiant Beat Feurer.

Homepage «gaysvp.ch»

Homepage «gaysvp.ch»

Keine Ahnung, ob das stimmt und ob auf den vier Platzhalter-Seiten Home, Wer sind wir?, Positionen, Termine und Medien vorher etwas stand, das durch den ungelenken Satz «Dies ist eine Homepage von Homosexuellen SVPlern und befindet sich noch im Aufbau» ersetzt wurde. (Dem Satzbau nach hat das ein Webmaster geschrieben, nicht ein Medienverantwortlicher.)

Nehmen wir mal an, es ist so, wie Sie sagen, und sie mussten die Inhalte aus taktischen Gründen wieder löschen. Dann hätte ich trotzdem an Ihrer Stelle fünf Sachen in der Online-Kommunikation anders gemacht:

1. Gescheites CMS: WordPress

Ich weiss nicht, was für ein Content Management System sie dort nutzen, aber URLs wie http://www.gaysvp.ch/12201.html und http://www.gaysvp.ch/12101.html disqualifizieren es schon ausreichend. Entscheidend ist hier, dass es vermutlich keinen RSS-Feed liefert. Den hätten Sie heute nutzen sollen, um in die RSS-Reader zu kommen.

Wir machen alle «kleinen» Webpräsenzen mit WordPress, eigentlich ein Blog-CMS, das aber inzwischen gut mit «echten» mithalten kann; bei statischen Seiten ist es zwar leicht unterlegen, aber dafür im Bereich Blog/News den meisten anderen dramatisch überlegen, vor allem durch die Hunderte von Gratis-Plugins. Man kann es selbst hosten (bzw. von einer Agentur), siehe wordpress.org, oder hosten lassen, siehe wordpress.com. Letzteres wäre für ein paar Dollar auch unter gaysvp.ch gegangen, wobei sie natürlich Ihr grünes SVP-Design brauchen, also müssten sie es doch wieder machen (lassen). Aber ich schweife ab, sorry. Was ich sagen will: Gescheite URLs mit Permalinks und RSS sind ein Muss für jede moderne Website.

2. Bloss keine Baustellen-Seiten

Man kann vieles auf eine halbfertige Website schreiben, aber bloss nicht «Hier entsteht» oder «befindet sich noch im Aufbau». Das ist Webmaster-zentriertes Denken: Der Webmaster macht mal die Site und macht überall einen Baustellen-Platzhalter hin, und wenn der Auftraggeber mal dazu kommt, schreibt er den echten Text rein. Bloss nicht!

Richtig wäre vielmehr, die Seite anzulegen, aber inaktiv zu setzen, solange sie noch nicht fertig ist. In einem modernen CMS ist sie damit automatisch nicht in der Navigation. Der Auftraggeber und inhaltlich Verantwortliche kann sie selbst aktivieren, wenn sie fertig ist, ohne dass der Webmaster nochmal etwas machen muss.

3. E-Mail-Newsalert anbieten

Ein simples Feld auf der Homepage, wie es Startups im Stealth-Mode haben: «Wir benachrichtigen Sie gern per E-Mail, wenn es wichtige Neuigkeiten gibt. Natürlich geben wir Ihre Mailadresse nicht weiter».

4. Twitter-Account einrichten unter @gaysvp

Ist frei. Alle wollen wissen, wie das nun weitergeht im mutmasslichen Kampf SVP-Zentrale gegen SVP-Schwule. Man hätte wohl nur zwei Platzhalter-Tweets machen müssen und sofort 100 Follower gehabt.

(Liebe Leser, bitte nicht @gaysvp wegschnappen aufgrund dieses Posts, das wäre… nun ja… link).

5. Simple Facebook-Fanseite machen

Siehe Twitter. Bin nicht sicher, ob es das gleiche ist, bei Facebook «Fan» der GaySVP zu werden, wie ihr bei Twitter zu followen. Aber da die Einrichtung einer Simpelst-Seite nur eine Stunde dauert, wieso sollte man den Kanal liegenlassen.

Denn darum geht es, lieber Herr Feurer. Heute haben Sie Medienpräsenz. Und vielleicht demnächst irgendwann wieder, wenn Sie schwule Aufklärung im Kindergarten fordern oder sonstwas Lustiges, das Ihren Parteikollegen den Schaum vor den Mund treibt (hihi). Doch zwischendurch haben Sie nichts, und für diese Zeit sollten Sie heute eigene Kanäle aufbauen, zum Interessenten, Sympathisanten, Unterstützern, News-Junkies, ja auch zu den Medien, auch wenn Sie die auch per klassischer Medienkommunikation bedienen können.

Ich behaupte, natürlich geraten, aber immerhin mit etwas Erfahrung, die oben aufgezählten Massnahmen hätten heute gebracht:

  • RSS-Feed eines klar als «News» ausgewiesenen Kanals : 20 Subscriber
  • E-Mail-Formular: 40 Mailadressen
  • Twitter: 100 Follower
  • Facebook: 40 Fans (könnte man sehr einfach pushen, indem man es auf die «Wall» von anderen Schwulengruppen bei Facebookschaft, dann könnten es auch leicht 200 werden)

Dieses «Social Media Starter Kit» würde ich heute jedem empfehlen, und sowieso jedem, der eine neue Website macht. 200 neue Kontakte mögen nicht viel erscheinen, aber es ist ja auch der erste Tag Ihres öffentlichen Schaffens, und die genannte Infrastruktur ist sehr günstig, schnell angelegt (könnte man auch bis heute Mittag noch machen) und läuft ja danach weiter.

Das ist kein «Hard Selling» (wir machen sowas, aber viele andere auch) und auch kein Miesmachen Ihrer vorhandenen Kommunikation, sondern nur eine freundlich gemeinte Gratis-Beratung. Ich bin natürlich nicht beleidigt, wenn ich nichts von Ihnen höre.

Beste Grüsse und viel Erfolg für ihre neue Organisation
Peter Hogenkamp

» Nächster Artikel:
» Älterer Artikel:

» Drucken
» Merken/E-Mail

8 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ronnie Grob

    schrieb am 15.12.2009 um 10:14 Uhr (#)

    Ganz klar der beste Satz ist hier:

    “Als Pferdeschwanzträger gehört er zudem ja selbst einer Minderheit in der SVP an.”

    :-))

    Dennoch: Die Aussage “Ich bin dagegen, dass sich für jedes Spezialanliegen ein Grüppchen bildet” find ich legitim und nicht zwingend Quatsch oder gar undemokratisch. Dagegen sein ist ja noch nicht verbieten wollen, oder?

  2. Peter Hogenkamp

    schrieb am 15.12.2009 um 09:33 Uhr (#)

    Na ja, ich finde es auch manchmal merkwürdig, für was es alles Organisationen gibt. In Deutschland gibt es ja nicht umsonst den Spruch: «Wenn drei Deutsche zusammen kommen, gründen sie einen Verein.» Im HSG-Senatsausschuss, der über die Anträge auf studentische Vereinsgründungen an der Uni befindet, mussten wir mal einen Studentenclub «Linker Niederrhein» beurteilen. Natürlich war das als Gag gemeint, aber auch ein bisschen symptomatisch.

    Das gesagt: Ich finde nicht, dass man es als Partei abbügeln sollte, wenn sich solche Unterorganisationen bilden, auch wenn es einem lästig sein könnte. Und dass Freysinger es ausgerechnet bei den Schwulen besonders schlecht findet, davon ist wohl auch auszugehen.

  3. Feurer

    schrieb am 16.12.2009 um 08:35 Uhr (#)

    guten Morgen

    vielen Dank für die verschiedenen Tipps und Hinweise! Ich leite sie mal an unseren Webmaster weiter. Ganz ehrlich Herr Hogenkamp, natürlich möchten wir es besser machen. Aber die Vorstellung, das Können, die Zeit….. die sind auch bei uns knapp. Nun, ich hoffe, dass unser Webmaster in der Lage ist, Ihre Anregungen umzusetzen… ;-))

    Liebe Grüsse
    Beat Feurer

  4. Peter Hogenkamp

    schrieb am 16.12.2009 um 11:53 Uhr (#)

    Hallo Herr Feurer

    Danke für die Antwort.

    Ja, dann toi toi toi Ihrem Webmaster… :-)

  5. blogstone

    schrieb am 16.12.2009 um 12:33 Uhr (#)

    Die Tipps sind wirklich gut und sollten beherzigt werden für eine neue Website. Die Frage ist, muss man für jedes neues Projekt auch einen neuen Twitteraccount anlegen? Reicht es nicht, wenn man über einen Account twittert?

  6. Schtonk!

    schrieb am 16.12.2009 um 13:46 Uhr (#)

    “Linker Niederrhein” – ouch, in Bayern wäre da sofort der Verfassungsschutz gekommen…und bei rosa Mailboxen oder iPhones (SCNR) die Bullerei…

    Finds klasse, wenn man über so eine Seite schrieben kann und dabei nur das Webdesign beklagt. Da ist die Schweiz wohl freier.

  7. Peter Hogenkamp

    schrieb am 16.12.2009 um 14:05 Uhr (#)

    Die Frage ist, muss man für jedes neues Projekt auch einen neuen Twitteraccount anlegen?

    Nee, finde ich nicht. Das oben beschriebene ist ein Grüne-Wiese-Ansatz, und auf der grünen Wiese gibt’s auch noch keinen Twitter-Account.

  8. Phil Schaffner

    schrieb am 23.02.2010 um 16:52 Uhr (#)

    Bei Punkt_#1 würde ich eher Drupal (http://drupal.org oder http://drupalcenter.de) empfehlen — immerhin will man irgendwann weiter ausbauen! Und dann sollte das eingesetzte System modular & skalierbar sein.


Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

Oder verbinde dich mit deinem Facebook-Account